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HOW FAR IS EAST (2022)

Posted on 1. April 2022 by Tanja Krone

Alles hat im antiken Griechenland begonnen. Auch das Streiten. Agon! Der Weg wird zur Forschungsreise. Ich nehme den Landweg: Deutschland, Österreich, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Nordmazedonien. Auf der Reise treffe ich viele und frage nach: „Could I learn from you how to argue?“ Record.

Extracts from my DIARY (in german) here:

Start: 1st of April 2022
Return: 13th of July 2022
Restart: tba.

29.4.22

Bus Skopie-Thessaloniki
Diese Fahrten… Ich liebe sie. Sie lullen mich ein. Die Landschaften. Manchmal werde ich panisch – wenn es zu hoch hinaus geht und der Blick atemberaubend wird. Dann lass ich mir eben den Atem rauben und enge (mich) ein. Kapsel, Panik, Angst. Unbestimmt, aber sehr präsent. (…)

Wir fahren auf dem Motorway „FRIENDSHIP“. Er scheint sehr alt.

27.4.22

I’m in Skopje. (…) Das schlimmste Bett ever in einem 4*-Hotel (…).
Ich halte alles nur noch schwer aus, keine richtige Verwurzelung mehr.
Interessant aber zb. die „Erweckung“ heute morgen kurz nach 4:00. Gleich mehrere Imame „singing“ their „songs“. Und jetzt hier auf der „anderen Seite“ höre ich ihr Rufen herüberschwappen! Irgendwie gut, vor allem mit diesen riesigen Statuen vor Augen. Das Klatschen des Wassers im Springbrunnen, wie so ein Publikum, das auf die Knie fällt vor seinen Heroes und Kämpfern. Es ist schrecklich. Wer hat das komponiert?
Grad hab ich vergessen, warum ich diese Reise mache. Grad möcht ich zurück sein in meiner „sicheren“ Welt – ohne Kriege, ohne Erdbeben, ohne ewige Verherrlichung männlicher Macht – und möchte bleiben. 4ever. Das da nie wieder verlassen, mich da anketten und verkriechen und irgendwann in Ruhe sterben. Nicht alleine sein, immer jemand da, der Sorge trägt.
(…)

24.4.22

Belgrad
9:00 Church Service. Eine halbe Stunde halte ich es aus. Ich rekorde alles. Singen, singen, singen. Alles gesungen. Der „Oberchef“ wirkt wirklich unsymphatisch, wahnsinnig selbstüberzeugt und hart und cool / arrogant. Nach 15 min (spätestens) checke ich, dass ich nicht mehr zugehört oder beobachtet habe. Ich bin abgeschweift, wurde eingellullt!
(…)
„Opium für das Volk.“ War das Lenin?
Die Luft hängt schwer, die Stadt ist seltsam ruhig. Ich mag es nicht sonderlich. I guess, ich kann gut in suburban Umfeldern alleine sein. Obwohl ich „die Stadt“ über habe (…), aber dieses Leben durmherum verschafft mir eben genug Ablenkung + Anregung. Heute ist es zu still. Ostersonntag. Oster-orthodox-Sonntag.
(…)

22.4.22

Bus Sarajevo-Belgrade
The more east I go, desto ungleicher wird es / werde ich. Mein Mantel, der in Berlin gar nicht sichtbar ist, wird mehr und mehr zu einem Alleinstellungsmerkmal. Schält sich heraus. Und trotzdem fahren gerade in Sarajevo die fetten Karren durch die Stadt.
(…)
Der Busfahrer ist sehr nett. Der Bus ist sehr anders als so ein Flixbus und die Route quite rural. Wir fahren richtig rein ins Land. Mit den „Einheimischen“, haha…! Bescheuerter Gedanke. Aber siehe oben – die (sozialen) Unterschiede werden erkennbarer. Und wie es hier weit + breit aussieht, ist schon harter Tobak. Lange nicht mehr so unterwegs gewesen, scheint es mir. Fette Blasen, in denen wir uns bewegen. Aber natürlich überall. Die Kunstszene in Sarajevo hat ja vielleicht auch nicht so viel mit dem Bauer in und um Sokolac zu tun, es sei denn, es existiert ein Verwandschaftsverhältnis.
Berge über Berge..
Und auf einmal, hinter Sokolac, ordentlich verputzte oder schick holzvertäfelte Häuser. Ist hier auf einmal doch mehr Geld? Bin ich schon in der Republik Srpska?
Viele Nadelwälder. Sie sagen, es gäbe auch Bären.

There are things you can’t argue about.
(zb. dass Srebrenica ein genocid war!!!)
1. LEARN to speak, communicate!!

CUT
Lese das Buch über Srebrenica auf meinem Weg nach Belgrad, auf meinem Weg durch die Republika Srpska, auf meinem Weg durch Serbien.
Und merke, wie es mich dort hält. Dieses große, dieses riesige Unrecht.

21.4.22

Sarajevo
Habe mich in Sarajevo bisher mit 4 Leuten getroffen. Manche sind im Ramadan, während ich aufgehe wie ein dicker Burek.
(…)
Das Gespräch mit Nihad heute habe ich nicht aufgezeichnet. Es war unmöglich. Ich kam an, eine herzliche Begrüßung, dann legte er los…
(…)
Dass es wichtig ist, Seiten zu beziehen. Dass den Intellektuellen immer nachgesagt werde, dass sie sich so im Ungefähren bewegten, immer beide Sieten abwägen… Aber das stimme nicht. Dann dachte ich auch: stimt, das stimmt nicht.Es gibt eben bestimmte Punkte, die sind klar. (Für mich.) Aber wie lässt sich das auf die Kunst beziehen. Er sagte, nur Radikalität führe zu Veränderung. Und auch hier stimm ich zu. Aber wieder: wie geht das in der Kunst. Vielleicht sind die Radikalendie wirklich einzig interessanten.
Er spricht ohne Umschweife über den Krieg hier und die Belagerung. ich bin beeindruckt, fine diese Offenheit oder der offenen Umgang auch damit, dass man evt. nicht nur Opfer, sondern auch Täter ist, erstaunlich. Wir kennen uns kaum, aber er scheint Vertrauen zu haben. Clarissa, unsere mutual Freundin!! Er sagt, dass es verrückt war, wie schnell „man“ den Krieg akzeptiert und sich mit der neuen Situation arrangiert, lernt, in ihr zu leben. „You adapt very fast.“ Ich wollte fragen, wie sich dieses „adapten“ angefühlt hat, ob er das beschreiben könne.
(Alle rauchen.)
(…)
„war is a condition.“
„peace is a condition.“
That’s interesting. Er bedauert, dass die nachgewachsenen Generation(en) nur das kennen: diesen Zustand nach dem Krieg hier. Dieses Fertig-Sein, keine Highlights.. „we at least had Olympic Games.. we had highlights, something to celebrate.“
I like him. His „funny“ energy. Er fastet. Das befördert auch eine eigene Energie.
(…)
Nihad spricht über den respektierten Space, den Religion offeriert. Ich frage mich einen Tag später, in welcher Konstellation die Kirchen und Moscheen hier miteinander stehen. (Gerade habe ich die Ace of Cups gezogen. Again!! Vielleicht ist das schon die Antwort. Love&Respect.) (…)
Streiten mit Love&Respect. Wie kriegt man die „Patina“ (das „Fusselige“) aus/von der Friedensbewegung? Ich habe mir vorgenommen, ihr beizutreten, muss nur mal rausfinden, wo / wem genau.
Also der religiöse space, den man als Believer haben/einnehmen kann.
Ich interveniere, dass ich kein „believer“ bin – was dann.
(…)
Ist die Friedensbewegung hier eigentlich auch mit der Kirche im Verbund???
Könnte ich Michele nochmal fragen. Auch das Treffen mit ihm war toll. Es war mein erstes Treffen hier und so ein guter Ein/Überblick über die gesellschaftliche Situation hier. Wie alles immer noch total getrennt ist – die Schulen!! – und diese „drei“ Sprachen – which is one! Also sogar komplett gleich geschrieben! Zumindest auf den Zigarettenschachteln. Eine Version ist in kyrillisch, aber auch das ist eben identisch mit dem Rest.
(Bosnisch – kroatisch – serbisch (in kyrillisch).)
Alle drei basieren auf stokavischem Dialekt!
(…)
Und dann eben die Schulen… Zwei Eingänge – Zwei Geschichtsbücher. Z.B. werden hier unterschiedliche Kriegsanlässe formuliert. Kann man auch auf wikipedia lesen. Und das ziehen die durch. Immerhin (darauf weist auch Michele hin): „2 Schulen unter einem Dach“. Aber die Idee muss doch sein, zu vermitteln, dass es unterschiedliche Perspektiven (s.o.) gibt – und dass man das rückblickend betrachten muss, diesen Konflikt. Und sich fragen, wie sieht das heute aus zbd wie will man als Gesellschaft, also als „Alle“ damit weitergehen? Diese kritische Distanz üben – darum muss es doch gehen. ODER?
Um einen nächsten Krieg auszuschließen. Auf Grund von Ethnie!!
Daran arbeitet Michele und der ZFD. Hard job. I imagine.

17.4.22

Bus Rijeka-Sarajevo
Fahre durch Bosnien. (…) Alles zieht an mir vorbei, als wäre es so inszeniert. Ich finde es sofort anders, obwohl ich weiß, dass es Quatsch ist, es war EIN Land! Aber 30 Jahre machen einiges, I guess. Und Schwerin und München unterscheiden sich schließlich auch sehr. (…)

CUT
Überall Einschusslöcher.

14.4.22

Rijeka
So, last night I booked Sarajevo.
(…)
What about my research?
Während Ljubljana mehr so ein zügiges In-Kontakt-Treten war, effektiv, sind die Zügel hier lockerer. Das hat wie gesagt mit meiner Anbindung heir zu tun. Immerhin bin ich schon volle 4 Tage hier. Ursprünglich, bei Ankunft, dachte ich, ich könnte oder müßte heute weiterfahren. Schedule… und auf die Uhr tippen… But it all needs time. (…)
Gestern Amjads Familiengeschichte. Seine Eltern Palästinenser. Vertrieben aus Palästina. Nach Kuwait – oder besser: dort geblieben, als sie gerade dort in den Ferien waren!! Nie mehr zurück gegangen, auch nicht auf Besuch. Dann, plötzlich – 1990!! – Krieg in Kuwait! Also mußten sie da auch raus und sind in Jordanien gelandet.
Amjad weiß zu wenig darüber, seine Eltern sprechen nicht.
Wir verstehen, dass das notwendig ist. Ich verstehe, dass die Parallelitäten in der Welt, der Geschichte gravierend sind und ich/wir viel zu wenig darüber wissen.
Wir fangen an, die Geschichte(n) zu erzählen. Wir müssen! Damit auch unsere Perspektiven in der Welt bleiben. Unsere Vergangenheiten Teil einer Zukunft sind/werden. Alles ist manipulierbar. Und das kann man so sehen und stehen lassen. Aber wir können einen Teil beitragen, dass eben verschiedene Erzählungen in der Welt sind.
Die Frage ist immer die Form.
Was bleibt?

CUT
Wir legen ein Tarot.
Und schreiben einen Song.
Unsere Frage an das Tarot: „What’s the „new“ formula?“
Der Titel: „We’re trapped“

SONG here

12.4.22

Rijeka
I’m thinking about skipping Sarajevo. It sounds „harsh“ somehow. (…)
Skipping Sarajevo. Really?
Skipping Bosnia. Really?
I don’t know why. But it feels right. Don’t wanna be there while it’s raining and no one’s there to talk to.
I’m asking the Tarot. And it answers with „The hanged man“ (upside down). (…) He seems to be relaxed – being able to see the world from upside down. It’s more ballet or acrobatics.
(…)

CUT
Sarajevo. For me it’s definitely not „worth“ going there, if no one’s there. (…)
Just be here… in Rijeka.
(Maybe) accept to be here (now).
(…)

CUT
Die Welt rückt nach rechts.
Die Sprache(n) wird polemisch.
What happened?
Was hat uns / was ist uns passiert, dass Abgrenzung zu einem solch großen Thema wird. Again. Haben „wir“ zu wenig Ressourcen, so daß die Idee des Teilens Angst einjagt?
(…)
Warum „closing down“? Abgrenzen. Warum sich verschließen vor allem virulenten? Viral. Beweglich. Beweglich bleiben. Change. Sanja sagt das. In einem ziemlichen extent. Der Prozess der Kreativität – anwendbar überall. Kreativität hat mit Lust zu tun. Und eben der Akzeptanz, dass immer alles in Bewegung ist. Ich also auch. Bzw. bin ICH sogar dazu gezwungen. Deshalb sind institutions ja so schwierig – because die zementieren etwas, was gerade entstanden ist – kurz zu einer Form wurde, die sich doch aber schon wieder weiter auflöst – weil sie sich bewegt. (…)
D.h. eine Institution ist immer veraltet. Und problematisch, weil starr.
What’s the problem with being beweglich? Die Angst vor dem Verlust von Sicherheit. Das, was ich (gut) kenne, gleich wieder weg.
(…)

CUT
The hanged man.
Should I stay or should I go? Und wohin? That’s the question..

8.4.22

Ljubljana
Auf Dauer mal wieder nervig, nix zu wissen, loszufahren mit dieser Art des „Nicht-Wissens“, aber „Herausfinden-Wollens“. Wie tief kann es gehen? Am Ende bildet es ja doch nur eine Fläche der oberen Spitzen ab, richtig tief kommt man wohl selten. Aber wie auch? Ich müßte bleiben, lange, um unter die Oberfläche zu gelangen. Aber mein Ziel ist Athen.

5.4.22

Zug Wien-Ljubljana
Wut – wohin damit?
(Zu)hören.
In Verbindung bleiben
Was ist, wenn ich die Wut des Anderen nicht verstehe? Wieso habe ich Angst davor? Was genau macht mir Angst?
„Manche gehen zu wie so eine Muschel.“

CUT
Ich fahre über die Grenze Österreich-Slowenien. (…)
Die Landschaft ist schön. Bergig, grün, zwischendurch Schnee auf den Kuppen. Ich denke darüber nach, dass Landschaft mir manchmal Sicherheit vermittelt hat. Das, worum es „geht“. Das, woran man sich erinnert am Ende. An das Licht. Oder die Berge aus dem Fenster eines Zuges. Klingt romantischer als es ist. Sicherheit wie gesagt.
Der Krieg hat’s verändert. Jeder Fluss potentiell auch einer, in dem man ertrinkt, sich selbst und seine Kinder, oder ertränkt wird von Soldaten, von den anderen. Ich sehe heruntergekommene Häuser, Fabrikgelände, im Sonnenschein und denke: ganz okay. Nächster Gedanke: Bomben. Vergewaltigungen. Erschiessungen.
Ich denke an ein Kriegsende. Eine Wiederkehr an einen Ort, ein Zuhause. Und hoffte so, dass es das wäre. Heruntergerockte Gegenden, in die man zurückkehrt, weil etwas vorbei ist.
Ich muss wirklich stark daran arbeiten, dass sich der Krieg nicht über alles legt, nicht komplett den Blick vereinnahmt. 
(…)
WIE kann das gehen?
Vielleicht auch hier als einzige Antwort nur und wieder: sich verbinden.